
Auf die Frau mit den rotgetönten Haaren ist Verlass. Jeden Morgen biegt sie um die gleiche Zeit um die Hausecke. Ihr Kopf ist vornübergebeugt, die Haare verdecken ihr Gesicht wie ein Vorhang. Sie läuft geradeaus, als wäre auf dem Gehweg eine Linie vorgezeichnet, die sie nicht verlassen darf. Nicht ein einziges Mal hebt sie den Kopf, um in die noch winterlich dekorierten Fenster der Nachbarn zu blicken.
Ihr rechter Arm ist vorgestreckt. Daran hängt eine Tasche wie an einem Haken. Sie baumelt bei jedem Schritt leicht hin und her. Ich folge der Bewegung der Tasche, als die Frau abrupt stehenbleibt. Ein Hindernis? Ich kann nichts erkennen. Sie steht einfach nur da wie eingefroren. Dann sinkt der Arm, an dem die Tasche hängt, langsam herunter. Die Tasche kommt ins Rutschen, prallt dumpf auf den Gehweg. Die Zeit scheint einzufrieren. Bis ich ein Zucken ihrer Hand bemerke. Die Bewegung wandert weiter in die Schultern, die sich nach vorne krümmen. Ich erkenne die Haltung, das Zittern. Sie weint. Erst leise, dann lauter. Unterdrückte Schreie sind zu hören. Eine Gardine gegenüber bewegt sich, aber niemand kommt zum Vorschein. Die rothaarige Frau schwankt.
Ich nähere mich ihr vorsichtig. Aber auch heute nimmt sie mich nicht wahr.
„Kann ich ihnen helfen?“
Ihr Schluchzen wird leiser, als würde sie meine Stimme aus weiter Ferne hören. Ihr Blick bliebt starr auf den Gehweg gerichtet. Ich hebe ihre Tasche auf, möchte sie ihr zurückgeben, aber die Arme hängen immer noch leblos an der Seite herunter.
„Brauchen sie ein Taschentuch?“
Die Tränen sind auf ihre Jacke getropft, haben Flecken hinterlassen. Ich suche in meiner Jackentasche, aber ich habe nur das Notwendigste gegriffen, Taschentücher waren nicht dabei.
„Haben sie Taschentücher in ihrer Tasche?“
Ihr Weinen wird leiser. Aus den Augenwinkeln bemerke ich, wie sich erneut die Gardine bewegt. Mutig strecke ich die Hand nach der Rothaarigen aus, berühre sie sanft am Arm, bereit, mich in Sicherheit zu bringen. Stattdessen spüre ich einen sanften Druck gegen meine Handfläche. Sie lehnt sich gegen mich.
„Darf ich in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch suchen?“ Sie nickt unmerklich. Dennoch fühle ich mich von allen Seiten beobachtet, als ich den Reißverschluss ihrer Tasche öffne. Sie ist fast leer: Eine Plastikdose mit Bonbons, eine Geldbörse, ein Paket Taschentücher und ein Stück Pappe, das grob zurechtgeschnitten, in dem einzigen Innenfach steckt. Ich ziehe die beschriftete Pappe aus dem Fach. „Ich bin Sybille Reimers und wohne in der Bartholomäusstraße 16.“
Die Handschrift sieht zu gleichmäßig aus, um ihre zu sein. Ich stecke die Pappe zurück in das Fach, hole die Taschentücher heraus. Darf ich ihr das Gesicht abwischen? Wird sie so viel Nähe zulassen? Sie nimmt mir die Entscheidung ab, indem sie die Hand hebt und nach dem Taschentuch greift. Ihre Bewegungen sind langsam, schwerfällig, als würden Gewichte an ihrem Arm hängen. Sie schafft es, ihre Tränen zu trocknen. Das Taschentuch steckt sie in ihre Jackentasche. Ihr Körper zittert noch immer, aber die Tränen sind weniger geworden.
Ich reiche ihr die Tasche, aber dieses Mal reagiert sie nicht.
„Soll ich sie nach Hause begleiten?“, frage ich zaghaft. Statt einer Antwort setzt sich Sybille in Bewegung. Sie nimmt die Verfolgung der unsichtbaren Linie wieder auf. Ich laufe ihr mit der Tasche hinterher.
Es ist nicht weit bis zur Bartholomäusstraße. Die Hausnummer 16 gehört zu einem weißen Siedlungshäuschen. Wir gehen gemeinsam zur Haustür, an der ein vergessener Weihnachtskranz hängt. Sybille klingelt. Kurz darauf wird die Tür von einer älteren Frau mit Kurzhaarschnitt geöffnet. Sie blickt fragend an Sybille vorbei, entdeckt die Tasche in meiner Hand.
„Sie ist weinend vor unserem Haus stehengeblieben und hat ihre Tasche verloren“, erkläre ich unbeholfen. „Ich bin Anne. Ich wohne zwei Straßen weiter.“
Wortlos geht Sybille an der Frau vorbei in den Flur. Vor einem Foto bleibt sie stehen. Sie führt die Hand zum Mund, küsst sie und berührt mit der Kusshand das lächelnde Gesicht eines jungen Mannes. Dann geht sie weiter zur Garderobe, zieht ihre Jacke und Schuhe aus.
„Danke, dass Sie sie vorbeigebracht haben. Die meisten Menschen gehen meiner Schwester lieber aus dem Weg. Dabei tut sie niemandem etwas.“ Die Frau dreht sich nach der Rothaarigen um, ehe sie sich wieder mir zuwendet. „Mein Neffe ist vor zwei Jahren an Krebs gestorben. Darüber ist sie nicht hinweggekommen. Dank der Therapie und der Medikamente geht sie inzwischen wenigstens wieder nach draußen, aber manchmal überfällt sie die Erinnerung.“
Erst jetzt bemerke ich die Sorgenfalten in dem sonst fröhlichen Gesicht.
„Darf ich ihnen die Tasche abnehmen?“ Sie streckt die Hand aus.
Sybille geht von der Garderobe ins Wohnzimmer. Durch die geöffnete Zimmertür sehe ich, wie der Fernseher angeschaltet wird.
„Sicher!“ Ich bin froh, die Last abgeben zu können.
Ich verabschiede mich von Sybilles Schwester, stehe noch einen Moment vor der verschlossenen Haustür, ehe ich die Straßenseite wechselnd nach Hause gehe.
Hintergrund zu dieser Geschichte
Diese Geschichte ist Teil einer Blog-Aktion unter dem Stichwort „#Schattenklänge“. Beteiligen können sie alle Blogger, die eine Geschichten über Menschen, die eher am Rand als in der Mitte der Gesellschaft stehen, teilen möchten. Die Aktion lief bis zum 15.4.2018.
Die Geschichten sollten anschließend als E-Book (eventuell Print) zusammengefasst werden und der Verkaufserlös einem Projekt zugute kommen, das sich um Menschen am Rande kümmert.
Initiator der Aktion und weitere Infos erhaltet ihr unter: