
Auge in Auge mit dem Antagonisten
Ich habe ihn nicht eingeladen, nur einen flüchtigen Gedanken an ihn verloren. Hannas Antagonist nutzt die Gelegenheit und besucht mich.
Ich sitze in meiner Schreibecke. Die Sonne fällt auf meine Hände, die Vögel zwitschern ihr Frühlingslied durch die geschlossene Terrassentür. Eine Möwe lässt sich an diesem windigen Tag mit wenigen Flügelschlägen über die Hausdächer tragen.
Auf die Idylle fällt ein dunkler Schatten. Der Antagonist verharrt nur ein paar Schritte entfernt hinter mir.
Was sieht er in mir? Ganz bestimmt keine Bedrohung. In seinem Leben bin ich ein Niemand, der sich neugierig zu ihm umdreht.

Sein Geruch ist durchdringend. Nach Mann, Pferd, Leinen und Leder. Der Raum schrumpft, der Boden knarrt unter seinem Gewicht. Er war schon einmal schlanker. Doch es ist nicht der Bauchansatz, der sein Aussehen dominiert: es sind die Augen. Sie haben alles gesehen.
Die Kindheit meines Antagonisten war geprägt vom Verlust der Mutter. Der Vater suchte Trost bei einer neuen Frau, doch sie wollte sich mit einem Gelehrten schmücken und legte keinen Wert darauf, die perfekte Ehefrau oder Mutter zu sein. Ihr Mann stellte sich als Enttäuschung heraus, war nur fixiert auf seine Arbeit. Ihr Stiefsohn erwies sich als formbar. Er ging den von ihr vorgegebenen Weg und weit darüber hinaus.
Manchmal frage ich mich, woher dieser Antagonist kommt. Welchem Teil von mir ist er entsprungen? Was seine Kindheit betrifft, haben wir wenig Gemeinsamkeiten, doch in meinem Beruf bin ich mindestens einem Menschen begegnet, der ihm ähnelte.
Auf den ersten Blick wirkte mein damaliger Vorgesetzter freundlich und aufgeschlossen. Bis er herausgefunden hatte, wo jeder seine Schwachstelle hatte und sie als Waffe gegen ihn oder sie einsetzte. Menschen und ihre Schicksale haben ihn auf seinem Weg nach oben nur wenig interessiert. In seiner Gegenwart habe ich einen Kollegen weinen sehen, der selbst ein Vorgesetzter war und von allen respektiert wurde. Das war eine prägende Erfahrung.
Mein Antagonist tötet nicht aus Freude, sondern weil es sein Ziel erfordert. Daher weiß ich, dass ich nicht in Gefahr bin. Vielleicht würde er sich sogar gern unterhalten. Mir erklären, dass es keinen Sinn hätte, mich auf Hannas Seite zu schlagen, weil sie in dem Moment verloren hat, als er sie oben auf seine Liste gesetzt hat. Er sagt das ruhig. Für ihn ist es eine Tatsache. Er hat immer gehalten, was er versprochen hat. Das macht ihn berechenbar – und genau das macht ihn gefährlich. Wirklich entspannt bin ich in seiner Gegenwart nicht.
Das Zwitschern der Vögel klingt weniger fröhlich. Die Sonne verschwindet hinter Regenwolken.

Hanna versteht nicht, was er von ihr erwartet: bedingungslosen Gehorsam. In seiner Welt gibt es keinen Widerspruch, keine Ausnahmen. Dabei ist er nicht naiv. Er weiß, dass es immer wieder Menschen in seinem Umfeld gibt, die gegen ihn arbeiten, ihn hintergehen oder ihren Vorteil aus seiner Situation ziehen wollen. Eine der Nebenfiguren ist sogar so dreist, ihn zu erpressen – sie will, dass er in ihrem Auftrag tötet.
Das lässt ihn kalt. Mein Antagonist ist höchstens amüsiert, dass jemand versucht, in seiner Liga zu spielen. Allein bei der Erinnerung an diesen Moment sehe ich ihn lächeln.
Ich höre ihn in meinem Kopf: „Sie ist ein naives Kind.“ Wie sollte ein Teenager diesem Mann etwas entgegensetzen können, der die Tötung von Menschen befohlen hat und selbst zur Waffe gegriffen hat?
Inzwischen hat er es sich auf der einzigen Sitzgelegenheit in der Nähe meines Schreibplatzes gemütlich gemacht – er hat gemerkt, dass er mich nicht so schnell loswird. Ich frage mich, was seine Stiefel dem empfindlichen Holzboden antun werden. Doch mehr beschäftigt mich eine andere Frage: Wie überzeuge ich einen Raubvogel davon, dass selbst Spatzen entkommen können?
Hanna ist in seinen Augen weniger wert als ein Spatz. Das erinnert mich an den Vorgesetzten von damals. Auch er kannte keinen Widerspruch – nicht weil er ihn fürchtete, sondern weil er ihn für schlicht unmöglich hielt. Ich sollte einer Vertragsänderung zustimmen. Eine Formalität. Ich sagte aus tiefstem Herzen und Auge in Auge: Nein. Und löste damit eine mittelschwere Krise aus. Nicht weil mein „Nein“ so viel Gewicht hatte, sondern weil es in seiner Welt nicht vorkam.
Mein Antagonist und ich wiederholen diese Szene gerade. Ich gebe ihm Hanna nicht. Ich habe aus meinem eigenen Kampf gelernt. In seinen Augen bin ich weder wichtig für sein Ziel, noch in der Lage, ihn aufzuhalten. Er sieht in Hanna nur den Teenager – und in mir eine Autorin, die jede Fliege vor dem Ertrinken rettet. Menschen wie er stolpern nicht. Sie gehen geradeaus, alle Wegweiser sind auf das Ziel gerichtet.

Ein Sonnenstrahl trifft ihn. Er blinzelt, senkt leicht den Kopf. An seinem Kinn zeigen sich Bartstoppel. Mein Antagonist reibt den Daumen an dem Zeigefinger. Das Bild, das er anderen präsentiert, ist nicht sein wahres Ich. Sein wahres Ich ist mindestens genauso oft falsch abgebogen wie ich und deutlich tiefer gefallen.
Sein Gesicht zeigt Entschlossenheit. Er ist bereit, alles in Kauf zu nehmen, um sein Ziel zu erreichen. Er möchte nicht noch einmal erleben, wie es ist, alles in seinem Leben zu verlieren. Dabei hat ihn der materielle Verlust weniger getroffen, als das Gefühl, niemand zu sein. Nicht wichtig. Austauschbar. Er braucht Menschen, die zu ihm aufsehen, die seinen Befehlen folgen. Und doch – wäre er vielleicht sogar bereit, ihnen zuzuhören. Mein Antagonist hat es sogar einmal versucht. Er hat geliebt. Nur hat es das Leben nicht gut gemeint mit ihm.
Hier komme ich wieder ins Spiel. Ich wollte ihm den Triumph nicht gönnen, alles zu haben. Macht. Geld. Liebe. Die ersten beiden Positionen hat er sich zurückerobert, hat sich zurück gekämpft ins Leben und die Liebe mit Rache ersetzt.
Die Liebe kann ich nur noch erahnen. Die Rache bestimmt seine Haltung, seinen Ausdruck, seine gesamte Ausstrahlung. Für eine kurze Zeit war sein Leben perfekt, aber Menschen wie er können das Glück nicht genießen. Es macht sie rastlos. Sie müssen vorwärts, suchen nur nach einem Grund, der sie hinaus treibt.

Ich finde ihn faszinierend. Wenn ich könnte, würde ich ein wenig seiner Kraft und Energie abzweigen. Er ist älter als ich, aber im Gegensatz zu mir kann er nicht aufgeben. Menschen wie er sterben nicht einfach, sie verbrennen, weil sie gegen sich selbst kämpfen.
In ihm mag jemand wohnen, der wie ich ist. Doch die andere Seite ist stärker. Jene, die mir Hanna nehmen will. Die fest daran glaubt, dass ein „nein“ ihm nicht standhalten kann. Er hat den Kern des Lebens erkannt. Das Leben spielt nicht fair.
Mein Antagonist wird unruhig. Verschwendet Zeit mit mir. Sein Blick wandert durch die wintertrüben Scheiben hinaus zu den ersten Farben des Frühlings. Das leuchtende Gelb der Forsythien interessiert ihn nicht. Nur sein Ziel. Was er dabei verpasst? Menschen, die zu ihm aufsehen könnten. Er war schon immer ein Anführer. Er hat sich von seinem Schmerz verführen lassen.
Ich möchte ihn aufrütteln, ihm erzählen, wie viel mehr er wäre, wenn er auf Hannas Seite statt gegen sie wäre. Doch ich kann ihn nicht ändern. Ich darf ihn nicht ändern. Er ist Hannas „nein“. Ein „Nein“, das wichtig ist, um zu wachsen und erwachsen zu werden.
Alles läuft auf einen ungleichen Zweikampf hinaus. Er wird gewinnen, so viel steht fest. Das stand auch damals bei mir fest. Doch welche Bedeutung hat der Sieg?

Ich höre ihn, wie er „Kleinkram“ grummelt. Damit meint er Hanna, mich und all die Hindernisse, die ihm andere in den Weg legen. Wirklich aufhalten kann ihn niemand und natürlich bewundere ich seine Stärke, seine Unabhängigkeit. Ich kann mich ihm nicht entziehen, schon gar nicht in diesem winzigen Raum. Macht zieht an. Sie verfängt.
Mein Antagonist ist für die Bühne geboren. Er braucht Weite, Raum, Menschen, die er manipulieren, einschüchtern und wenn es sein muss töten kann.
Und doch wäre es ein Fehler, ihm eine Haftnotiz mit „Bösewicht“ auf die Stirn zu kleben. Er ist ein Beobachter und Planer. Nur so ist es ihm möglich, Ereignisse vorauszusehen, mehr als einen Ausweg parat zu haben. Auch wenn er den meisten Menschen in seiner Umgebung wenig Wertschätzung entgegen bringt, schätzt er sie in den meisten Fällen richtig ein. Er verlässt sich bis zu einem gewissen Grad auch darauf, dass es niemand wagen würde, gegen ihn zu arbeiten.
Selbst ich werde nicht versuchen, ihn zu überzeugen. Er darf seinen Weg gehen. Das ist mein stilles Geheimnis.
„War’s das?“, fragt er. Sein Blick ist direkt auf mich gerichtet. Augenblicklich nehme ich Haltung an.
Er schnaubt leise. Sein Urteil hatte er gefällt, bevor er den Raum betreten hat. In seiner Welt zählen Stärke, Einfluss und Ressourcen. Ich erfülle keine seiner Kriterien. Ein Schwert könnte ich kaum anheben, als Reiterin bin ich eine Niete und mein Kontostand würde ihn zu einem dezenten Kopfschütteln verleiten.
Doch er hat einen gravierenden Fehler begangen. Eigentlich sogar mehrere. Das Leben mag unfair sein, aber es gibt einem Chancen. Er hat seine auf ein besseres verpasst.
Hanna steht diese Entscheidung noch bevor.

Ich bin froh, als er geht. Die Sonne ist wieder aufgetaucht und schickt letzte Strahlen in den aufgeblühten Kirschbaum.
Sein Geruch hängt noch im Raum, auf dem Boden liegt ein dunkler Sandbrocken, der sich von der Sohle seiner Stiefel gelöst hat. Ich hebe ihn auf und werfe ihn in den Mülleimer zu den korrigierten Hanna-Seiten.
In der neuen überarbeiteten Version entdeckt Hanna zum ersten Mal, welche Macht Entscheidungen haben können. Mehr als ein einzelner Sieg.
